Reisebericht 2007

Bericht zur Reise nach Shimshal in Hunza, Pakistan im Sommer 2007

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Der 2002 gegründete Verein hat im letzten Jahr das vorläufige Ziel, die Fertigstellung des Schulgebäudes, erreicht.

Die Grund- und Mittelschule für Buben und Mädchen wurde letztes Jahr im Beisein des deutschen Botschafters, Dr. Mulack, eingeweiht. Nun musste über die Zukunft der Schule und somit auch über die Zukunft vieler Kinder beraten werden. Grund genug, meine zehnte Reise nach Pakistan anzutreten.

Es war klar, dass es nicht nach dem alten System wei- tergehen konnte. Ein schönes Gebäude, das in den nördlichen Gebieten Pakistans großes Aufsehen und Beachtung fand, allein genügte nicht. Nun mussten Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden. Ein qualifizierter, auf die Zukunft ausgerichteter Unterricht musste zum Wohle aller Kinder etabliert werden.

Nach langen, zähen Verhandlungen mit dem Aga-Khan-Bildungs-Service (Gilgit) konnten wir nun erreichen, dass dieser die Bezahlung der Lehrer der Klassenstufen 1 - 5 übernimmt. Bedingung war auch, dass es gut ausgebildete Lehrer sind, die den das Wissen vermitteln können, das sie gegebenenfalls für die höheren Klassen benötigen. Wir haben bereits junge fähige Lehrer eingestellt, die hoch motiviert sind, darunter 4 Lehrerinnen. Die Klassenstufen 6 - 10 liegen in unserer Verantwortung.

Die Leitung bleibt bei unserem Partnerverein Naw-Bahar. Damit ist sicher gestellt, dass auch immer nach unserer Meinung gefragt werden wird. Die Schule hat großen Zulauf. Es sind nun über 200 Kinder, die oft von weit her kommen. Vom Teilort Fermanabad brauchen die Kinder pro Weg zwei Stunden.

Das Lehrerhaus, finanziert vom Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit, ist fertig gestellt und die Lehrer sind eingezogen. Das Schulgebäude ist Eigentum von Naw-Bahar und der Gemeinde Shimshal.

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Shimshal, ein Dorf im Karakorumgebirge, war jahrhunderte lang durch seine Abgeschiedenheit und Isolation vom Rest der Welt und vom Fortschritt ausgeschlossen. Hunza, ein Zauberwort in der westlichen Welt, ist für die gesunde Lebensweise und Menschen, die über 100 Jahre alt wurden bekannt und in vielen Büchern be- schrieben.

Wenn man die Menschen dort heute darauf anspricht, dann war die Lebenswirklichkeit wohl nicht immer so rosig. Der Mir des selbstständigen Staates forderte jedes Jahr hohe Abgaben in Naturalien. Nicht nur die besten Tiere, auch Getreide und das echte Hunza-König-Salz, das aus einem Berg im Pamir herausgehauen wurde und bis zur endgültigen Verbrauchsfähigkeit viel Arbeit erforderte. Der Anschluss an Pakistan 1974 wird deshalb heute noch als Fortschritt und Erleichterung der Lebensbedingungen betrachtet. Als Ismaeliten mit ihrem Oberhaupt Aga Khan können sie ihre Hunza-Tradition und Kultur auch weiterhin leben.

Im Jahre 1965 beschlossen China und Pakistan in einem Geheimvertrag den Bau einer Straße durch das Karakorum und das Industal. Die Täler von Indus und Hunza wurden für 15 Jahre Bauzeit geschlossen. Es war den Menschen nicht erlaubt, das Tal zu verlassen, was zu weite- ren Hungersnöten führte.

Der Karakorum-Highway, die wohl aufregendste Hochgebirgsstraße der Welt hat nichts an Fas- zination verloren. Es gibt zwei Möglichkeiten, ihn zu erfahren: Mit einer 17-24-stündigen Busfahrt oder mit einem Fahrzeug mit Fahrer und Übernachtung in Besham oder Chilas. Auf jeden Fall erreicht man dann Gilgit, den Knotenpunkt des Karakorum. Nach Einkäufen und Erholung ist dann die Fahrt über Karimabad nach Passu nur noch Genuss.

Kurz nach Passu verlässt man den Karakorum-Highway, um auf der 2004 fertig gestellten Jeep- Road nach Shimshal zu kommen. Man erlebt dort eine absolut wilde Hochgebirgslandschaft, wie zum Greifen nah ist der fast 8000 m hohe Distelgi Shar mit dem bis an die Straße reichenden Gletscher-Massiv.

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Erreicht man das Tal, dann ist schon von weitem das wunderschöne Gebäude, unsere Schule, sichtbar. Dass die Existenz des Dorfes und hier vor allem die Zukunft der Kinder ohne Bildung keine Chance hat, das war den Menschen im Dorf schon immer klar. Wir brauchen eine gute Schule und wir müssen etwas für unsere Frauen und Mädchen tun, meinte Bakhtawar Shah, Bergführer und heutiger 1. Vorsitzender unseres Partnervereins Naw-Bahar. Er und die Dorfbewohner hatten wohl schon damals bei meinem ersten Besuch in Shimshal geahnt, dass mit der Jeep-Road das Leben zwar einfacher werden, aber auch eine wesentliche Veränderung der Lebensumstände mit sich brin- gen würde.

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Nach vielen Touren und der Besteigung von 6.000 m hohen Bergen war es Zeit, auch etwas für diese Bergbewohner zu tun. Der Respekt dafür, wie sie das Leben in diesem abgeschiedenen Fleck Erde in 3.200 m Höhe meisterten und der intensive Wunsch nach Bildung für diese Menschen überzeugten mich, dass dies der richtige Platz war, etwas Sinnvolles zu schaffen. Unser Verein ist nun fast 5 Jahre alt und mit Dankbarkeit denken wir an die vielen Menschen zurück, die mit einer Mitgliedschaft, Spende oder einfach nur durch ihre Sympathie das Vorhaben gefördert haben.

Gerade noch am letzten Schultag konnte ich die Lehrer und Schüler beim Unterricht antreffen. In der Zwischenzeit sind alle Klassenzimmer mit neuen Möbeln ausgestattet und der Chemie- und Physikraum mit dem nötigen Inventar versorgt. Hier gilt unser aller Dank der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg, die durch ihre finanzielle Unterstützung eine wertvolle Hilfe geleistet hat.

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Am nächsten Tag war Schulfest. Mein Platz war neben der jungen Bürgermeisterin Nacib Karim. Spannend waren die Darbietungen von Spiel und Gesang. Aber auch verschiedene Ehren- bürger von Shimshal, die sich Verdienste um das Dorf gemacht haben, hielten eindrucksvolle Reden, in denen immer wieder die Wichtigkeit der Schule hervorgehoben wurde. Auch junge Männer, die nun in der Stadt Arbeit gefunden hatten kamen zu Wort. Ihre Begeisterung veranlasste mich, sie darauf anzusprechen. Ja, sagten sie, sie wüssten, wie hart es war, schon früh das Dorf zu verlassen und dass die Eltern oft einen Teil ihrer Felder verkauft hätten um die Schule in der fernen Stadt bezahlen zu können. Ganz sicher werden sie in Shimshal heiraten und ihre Kinder wären dann in dieser Schule gut aufgehoben. Sie sind deshalb auch bereit, die Schule finanziell oder durch andere Art von Hilfe zu unterstützen. Zum Abschluss tanzten die Schülerinnen und Schüler einen traditionellen Tanz, an dem am Ende dann auch noch die Eltern teilnahmen.

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In endlosen Gesprächen mit Naw-Bahar wurde bestätigt, was vorher schon immer von Eltern und Schülern dargelegt wurde: Nun, da wir dieses schöne Gebäude haben, ist die Zeit gekommen einen modernen, qualitativ hoch stehenden Unterricht in Shimshal aufzubauen. Es soll qualifizierter Schulabschluss der 10. Klasse erreicht werden können, der auch im übrigen Land anerkannt wird. Die Bezahlung von Schulgeld wurde nach dem Einkommen und der Anzahl der Kinder in einer Familie geregelt. Familien, die kein Einkommen haben, bezahlen auch kein Schulgeld.

Unser Verein wird auch weiterhin nicht in den Bemühungen nachlassen, das, was wir dort oben geschaffen haben, am Leben zu erhalten. So vielen Kindern eine Chance zu geben, sich durch gute Bildung auch im übrigen Land behaupten zu können, ist doch die beste Motivation, dieses Projekt zu unterstützen. Als friedliebende Ismaeliten praktizieren sie die geringste Form des Islam.

Die Lehrer müssen jeden Monat bezahlt werden und auch der Unterhalt der Schule erfordert doch einiges an Einnahmen. Und so sind wir auch weiterhin auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen, die nach wie vor zu 100 % an das Projekt gehen.

Mein Wunsch war es, noch einmal die Frauen auf den Hochweiden des Pamirs zu besuchen. Die Freude der Frauen und die grandiose Landschaft ließen mich dann bald die Anstrengungen dieser Tour vergessen. Sie leben von Mai bis Oktober dort oben auf fast 5.000 m mit ihren Tieren. Die Weiden sind umrahmt von hohen Bergen und Gletschern. Dunkelblaue Bergseen ergänzen diese grandiose Landschaft, an der man sich nicht satt sehen kann. Für die Frauen bedeutet der Aufenthalt harte Arbeit und ein Leben, das von totaler Entbehrung geprägt ist. Waren die Begegnungen immer schon herzlich, so war in diesem Jahr noch mehr an Zuneigung und Gastfreundschaft zu spüren. Sie wissen nun, dass ihre Töchter nicht mehr unbedingt diese harte Arbeit wählen müssen. Und so haben die Männer auch bereits geplant, in Zukunft diese Arbeit zu übernehmen.

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Nun war es Zeit an die Heimreise zu denken, ein langer Weg zurück von den Hochweiden an der chinesischen Grenze bis nach Oberteuringen. Ich hatte Glück. Die Wetterbedingungen waren so gut, dass ich von Gilgit aus nach Islamabad fliegen konnte. Man fliegt direkt über das Nanga-Parbat-Massiv und staunt, wie großflächig und gewaltig es doch ist.

In Islamabad war nichts mehr von den Vorkomm- nissen zu spüren, über die in den Medien zu Hau- se jeden Tag berichtet wurde. Ich hatte ja im fer- nen Shimshal und in den Bergen nichts mitbebommen. Und so werde ich auch in diesem Jahr das Land und die Hilfsbereitschaft der Menschen dort in guter Erinnerung behalten.

 

Ihre Wilma Rehkugler, Oberteuringen, den 24.08.2007


Spendenkonten des Vereins
 

Sparkasse Bodensee:

IBAN: DE92 6905 0001 0020 1366 44 /// SWIFT-BIC: SOLADES1KNZ

Raiffeisenbank Oberteuringen:

IBAN: DE24 6516 2832 0081 4970 08 /// SWIFT-BIC: GENODES1OTE

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