Reisebericht 2017 - Sommer

Liebe Mitglieder und Förderer unseres Vereins,

wir nähern uns dem Tag der Vereinsgründung am 24.11.2002. Ganz bewusst wurde damals zum Ziel gesetzt, in Shimshal eine Schule zu bauen und dieses Projekt im Anschluss auch verantwortungsvoll zu begleiten. Mittlerweile ist es ein Beleg dafür, was mit gezielter Hilfe alles erreicht werden kann. Dafür auch Ihnen herzlichen Dank für Ihre Unterstützung und Akzeptanz dieses Projekts.

Nahezu 15 Jahre sind nun vergangen und aus heutiger Sicht erscheint es wie ein abenteuerliches Unterfangen, dass „kleine Leute“ ein Projekt dieser Größenordnung auf die Beine stellen können. Wichtig war vor allem die Einschätzung der Möglichkeiten in einem Land wie Pakistan, das aus westli-cher Sicht nun nicht gerade als besonders aufgeschlossen gilt. Unsere Erfahrungen vor Ort durch die Kontakte mit Menschen in der Region Hunza haben uns jedoch viel liberalere Einstellungen kennen lernen lassen, als hier zu vermuten wäre.

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2002 - Treffen vor der Aga Khan Schule mit Verantwortlichen des Dorfes 2017 - Unser Ziel ist erreicht. Schule, Kindergarten, Gebäude für Lehrer und eine Solaranlage

Der ursprüngliche Anstoß zur Kinder- und Jugendbildung kam von Bakhtawar Shah, einem Bergführer aus Shimshal. Er machte auf die äußerst unzulängliche Bildungssituation aufmerksam, insbesondere die für Mädchen. Viele Schüler haben in der Zwischenzeit mit einem erfolgreichen Schulabschluss an unserer Grund- und Hauptschule ihren Weg gefunden.

Ein Verein lebt aber auch von der Vorstandschaft. Seit der Gründung des Vereins besteht eine gute Zusammenarbeit, jeder arbeitet ehrenamtlich und sämtliche Kosten werden aus eigener Tasche bezahlt. Auch Herr Kiehling, der 2. Vorsitzende, lässt es sich nicht nehmen, jedes Jahr zur Jahreshauptversammlung den weiten Weg von Lilienthal bei Bremen auf sich zu nehme

Bericht meiner Reise vom 12.07.17 bis 08.08.2017 nach Shimshal, Pakistan

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Nicht nur der aktuelle Schulbetrieb und die Verwendung unserer Mittel für dessen Unterstützung waren der Grund für meine jährliche Reise. Endlich, nach einer langen Antragsphase, bekamen wir vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Zusage für das geplante Wohnheim in Karimabad zum 01.05.2017.

Sehr erfreut war ich darüber, dass mir für die Reise mein ehemaliger Guide Qudrat Ali Shah zugeteilt wurde. Mit ihm und Werner Steffen aus Bad Bramstedt hatte ich doch bereits schon meine zweite Tour über die grandiose Gletscherwelt des Biafo zum Snowlake und Hispar gemacht. Nun ist er mittlerweile in der Vorstandschaft unseres Partnervereins in der Pakistan Ruler Education Development Organisation mit Wahab Ali Shah als erstem Vorsitzenden.

Die weite Strecke von Islamabad wurde so eingeteilt, dass nach einer Übernachtung in Besham dann gleich die nächste Station in Karimabad war. Dort fand das Treffen mit der Partnerorganisation REDF in deren Räumen statt. Wie schon im Bericht der Jahreshauptversammlung dargestellt, hat die Regierung von Gilgit Baltistan eine Neuregistrierung der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gefordert. Diese Region gilt als Sicherheitszone und deshalb werden die Finanzkanäle, Transparenz und Buchhaltung jedes Jahr genau überprüft. Eine solche Partnerorganisation war auch Voraussetzung für die Vergabe des Wohnheim-Projekts durch das BMZ.

Seit vielen Jahren unterstützen wir, auch mit Hilfe von Sponsoren, hauptsächlich Mädchen beim College oder Universitätsbesuch. Der größte Kostenfaktor dabei war die Unterbringung in den bestehenden Unterkünften. Aus diesem Grund war es uns nicht möglich, für Alle etwas zu tun. Hierbei lag das Hauptaugenmerk auf den Mädchen und Frauen, die in Karimabad verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten in handwerklichen Berufen haben. Zu unserem Erstaunen entdeckten wir auch eine Schreinerwerkstatt, in der Frauen ausgebildet werden.

Der Gedanke, in Shimshal selbst ein Ausbildungszentrum zu bauen, wurde verworfen, weil der Aufwand dafür zu groß gewesen wäre. Alle Einrichtungen sind in Karimabad vorhanden und so reifte der Entschluss, dort ein Wohnheim zu bauen. Als Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Hunza ist dies ein freundlicher Ort, der sich hoch über dem Karakorum Highway an der sonnenbeschienenen Talseite befindet. Erst 1974 wurde Hunza in die Verwaltungszone der Northern Areas eingegliedert.

Eine aufwändige Antragsstellung beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung folgte. Diese Anträge werden von Engagement Global, einem Service für Entwicklungs-Initiativen, geprüft. Nach einer langen Prüfungszeit wurde das Projekt zum 01.05.2017 bewilligt. Voraussetzung für die Bewilligung war auch eine Kostenkalkulation der Betriebskosten, die nach einer gewissen Anlaufzeit durch die Bewohnerinnen refinanziert werden sollen. Hierbei wurden sowohl die Mittel von ausländischen Organisationen, die bis jetzt Mädchen unterstützt haben, mit berücksichtigt als auch die Anforderung an die Bewohnerinnen, in Eigeninitiative Geld zu verdienen und sich damit an den Kosten zu beteiligen. Vor allem wird hier an die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produk-ten gedacht, wie zum Beispiel die Verarbeitung von Aprikosen oder Sanddorn.

Die Planung, die freundlicherweise durch eine Mitarbeiterin der Architekten über Grenzen kostenlos erstellt wurde, ist von einem örtlichen Architekten überarbeitet worden. Die Anzahl der Räume und deren Verwendungszweck wurde entsprechend des Antrags eingehalten. In den 19 Zimmern werden circa 80 Bewohnerinnen leben. In weiteren 12 Räumen befinden sich Bücherei, Computerraum, Küche, Esszimmer sowie die Unterbringung von Nachtwächter und Hausdame. Bislang mussten die Studenten einen Monatsbeitrag von 50,00 € bis 70,00 € aufbringen. Nach den Berechnungen für die Gebäude-Unterhaltungskosten ergibt sich ein kostendeckender Beitrag von 20,00 €, den sie künftig für Wohnen ausgeben müssen.

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Karimabad, Hauptstadt der Provinz Hunza/Nagar Planungszeichnung für das Wohnheim

Sämtliche Belege über das Schulgeld, mit dem wir den Schulbetrieb unterstützen, wurden uns vollständig übergeben. Ohne diese Unterstützung wäre der Schulbetrieb nicht möglich. Wie von uns vorgegeben, werden hier in erster Linie die ärmeren Familien unterstützt. Der Familienhintergrund ist uns zumeist bekannt. Durch Hausbesuche werden aber auch neu auftauchende Probleme in den Familien erkannt.

Nach einem Zwischenstopp in Passu wollten wir eigentlich früh am Morgen weiter nach Shimshal fahren. Dann kam überraschend die Nachricht, dass eine Brücke repariert wird. Mit uns wartete ein Filmteam aus Islamabad, das eine Dokumentation über verschiedene Gletscher machte. In Pakistan, Gilgit-Baltistan, befinden sich die längsten Gletscher außerhalb der Polarregionen. Der Biafo-Gletscher mit 47 km und der Hispar-Gletscher mit 49 km Länge. Er ist mit dem 5.128 m hohen Hispar-Pass verbunden ist und somit ist dies das längste Eissystem außerhalb des Polarkreises. Dann der Baltoro-Gletscher, der zum K 2 führt (62 km) und der Batura-Gletscher (57 km), der seinen Anfang in Passu hat. Mit Sorge wird auch hier von den Bewohnern beobachtet, wie sich diese immer weiter zurückziehen.

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Gletscherwelt des Karakorum-Gebirges mit Shimshal, Shimshal Pass und Hunza

Für Interessierte gibt es mehr Infos auf:

www.himalaya-info.org/Map%20karakorum_north.html
und
www.himalaya-info.org/shimshal-pass.htm

 

Im Konvoi ging es dann am Nachmittag Richtung Shimshal. Ein ungünstiger Zeitpunkt, denn jetzt ist die Zeit, in der das Gletscherwasser aus den Seitenflüssen die Jeep Road schlecht passierbar macht. Aber die Shimshalis wissen sich zu helfen und so kamen wir sicher am 18.07.17 in Shimshal an.

Meine Befürchtung, dieses Jahr nicht beim laufenden Schulbetrieb anwesend zu sein, war unbegründet. Wegen der kalten Wintermonate Dezember und Januar wurden die Sommerferien verkürzt und so konnte ich am nächsten Tag die Schüler und Lehrer besuchen.

In den meisten Klassen sitzen 25 bis 30 Schüler, die von den nun insgesamt 16 Lehrkräften betreut werden. Nach der 8. Klasse haben sie die Möglichkeit, ihre Weiterbildung in speziellen Fächern zu wählen.

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Die Zusammenarbeit mit dem Aga Khan Education Service hat sich gut entwickelt, denn in den Klassen 1 bis 10 wird ein Unterricht auf hohem Niveau geboten. Es war uns bewusst, dass die unsere bisherige Vereinbarung, die Lehrer der Klassen 1 bis 5 und die des Vorschulkindergartens zu bezahlen, nicht als dauerhaft angesehen werden konnte. Wir unterstützen nun in erster Linie Kinder aus armen oder besonders kinderreiche Familien. Immer wieder wird man damit konfrontiert, dass es viele Waisen und Halbwaisen in Shimshal gibt. Meistens sind es die Männer, die am Berg oder bei anderen Unfällen ihr Leben verlieren.

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Seit März 2017 gibt es nun Mobilfunk und Internet in Shimshal, eingerichtet durch S-Com, eine staatliche Stelle. Die Honoratioren, welche zur Eröffnung Shimshal besuchten, waren sehr angetan von unserer Schule, dem fortschrittlichen Unterricht und den Schülern insgesamt. Es wurden10 neue Laptops gespendet; eine junge Lehrerin gibt Computerunterricht, was natürlich sehr großen Anklang findet.

Nach sehr schlechtem Wetter folgten Tage mit reichlich Sonnenschein. Ich machte mich auf den Weg zu kleineren Wanderungen und um Einladungen anzunehmen. Als erstes zu Azahr, der seine Leukämie nun überstanden hat und zu einem flotten jungen Mann herangewachsen ist. Durch unsere Vermittlung hat „Ein-Herz-für-Kinder“ die Behandlungskosten übernommen. Seit über 3 Jahren war er nun das erste Mal wieder in Shimshal.

Auch Nabeela, die in Gilgit studiert und Rechtsanwältin werden will, treffe ich zu Hause an. Ich erhielt eine Einladung einer Mutter, deren Töchter von uns unterstützt werden. Leider waren sie aber bereits wieder in Karimabad. Noorina wollte ihr Ergebnis vom College erfahren, ihre Schwester Ambreen lernt dort Nähen und Shaista, die schon Kindergärtnerin ist, war bei einer Fortbildung.

In der Zwischenzeit hatte sich der Shimshal-Fluss zu einer brodelnden Masse entwickelt. Ein Gletscher im hinteren Shimshal-Tal ist in Bewegung geraten und Stücke davon sind in den kleinen See abgerutscht. Dieser hielt den Massen nicht stand und so wurde der Fluss mit großen Eisstücken gespeist. Es sah bedrohlich aus, denn auch die Hängebrücke, die zum Pamir und den Feldern auf der anderen Seite führte, war unpassierbar geworden. Was dies für mich bedeuten sollte, wusste ich zu diesem Zweitpunkt noch nicht.

Schon oft hatte ich von der Hochweide Zarthgurben gehört. Dort oben weidet das Jungvieh und man kann es in einem Tagesmarsch erreichen. Obwohl 1.200 Höhenmeter und „very steep“, wie mir immer wieder gesagt wurde mit der Versicherung, dass ich das schon schaffen würde. So machte ich mich mit Qudrat Ali Shah auf den Weg. Es war wirklich sehr steil, aber irgendwann war ich schließlich oben auf 4.200 m Höhe. Junge Leute traf ich an, die ausgelassen herumtobten und Mädchen, die vielleicht auf dem höchsten Fußballplatz der Erde bis Einbruch der Dunkelheit diesen Sport mit Begeisterung ausübten.

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Auf dem Weg nach Zarthgurben
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Zarthgurben - Die Jugend spielt Fußball

Leider war meine Freude nur kurz, denn am übernächsten Tag sollte das Schulfest stattfinden. Beim Abstieg bemerkte ich wieder einmal, dass er viel schwieriger und anstrengender ist als der Aufstieg. Endlich in Bandeshar angekommen, kam die Einladung zum Tee gerade recht. Auf dieser Anhöhe, auf der anderen Seite des Shimshal-Flusses, sind Felder angelegt für Weizen und Kartoffeln. Die Häuser sind eher als Sommersiedlung anzusehen, ihre Einrichtungen sind sehr spärlich. Hier lernte ich eine Frau kennen, die mich überaus beeindruckt hat. Als Witwe ist sie für 4 Kinder allein verantwortlich und bewirtschaftet in harter Arbeit die Felder, um mit dem Erlös aus der Ernte den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Mit dem Schulfest hatten sich die Verantwortlichen viel Mühe gemacht. Der ausgelassenen fröhlichen Stimmung schloss ich mich gerne an und erfreute mich an den Gesängen, Tänzen und Darbietungen. Zum Schluss saßen alle Anwesenden bei Gebäck und Tee zusammen. Die gute Gemeinschaft und das soziale Zusammenleben waren sehr eindrücklich für mich.

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Schulfest

Viel zu schnell verging die Zeit, ich habe mich sehr wohlgefühlt. Dann kam die Nachricht, dass die Jeep Road mit einem Fahrzeug nicht passierbar ist. Um rechtzeitig in Islamabad das Flugzeug nach Hause zu erreichen, war ich gleich mit dem Vorschlag einverstanden, die 60 km lange Strecke zu Fuß zurückzulegen.

Es stellte sich dann heraus, dass es immer wieder Abbrüche auf der Strecke gab, die teilweise die Hälfte des Weges ausmachten. Der Shimshal-Fluss hatte dazu beigetragen, konnte man doch schon seit Tagen beobachten, wie die Gletscherschmelze hier den Fluss immer gewaltiger werden ließ. Der Weg erinnerte mich an die Anfangszeit meiner Reisen, als Shimshal nur durch einen Fußmarsch zu erreichen war. Dazu zählen auch die Übernachtungen im Freien unter einem klarem Sternenhimmel.

Nach 2 Tagen erreichten wir dann glücklich den Karakorum-Highway. In Karimabad fanden nochmals Projekt-Besprechungen statt. Die anschließende, sehr anstrengende Fahrt zurück nach Islamabad wurde durch eine Übernachtung in Besham etwas abgemildert.

Der Besuch der Schule und die Herausforderung für das neue Projekt bestärken uns in unseren Aufgaben durch direkte Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort, hier weiterhin Unterstützung zu leisten.

Sie können uns unterstützen:

Als Mitglied (Antragsformular unter Downloads auf unserer Homepage www.shimshal.de)
oder telefonisch unter: 07546 - 2050

Durch Spenden oder eine Patenschaft

Vom Finanzamt Friedrichshafen haben wir mit Datum vom 07.10.2016 einen neuen Freistellungsbescheid, der uns berechtigt, weiterhin Spendenbescheinigungen auszustellen.

 

Wilma Rehkugler - 1. Vorsitzende / Karin Axmann - Schriftführerin


Spendenkonten des Vereins
 

Sparkasse Bodensee:

IBAN: DE92 6905 0001 0020 1366 44 /// SWIFT-BIC: SOLADES1KNZ

Raiffeisenbank Oberteuringen:

IBAN: DE24 6516 2832 0081 4970 08 /// SWIFT-BIC: GENODES1OTE

Wenn Sie den Reisebericht als PDF-Datei gerne downloaden möchten...

Shimshal_Bericht-2017-Sommer.pdf

Dateityp: .pdf - Dateigröße: 1,2 MB - Revisionsdatum: 27.09.2017 - Downloads: 6

Revision: 28.09.2017 - 13:43